Warum ich lebe

Ich heiße Anne wurde 1953 in Genf geboren.

Im Alter von neun Jahren begann ich mir dessen bewusst zu werden, dass ich mich von den anderen unterschied, da ich Mühe hatte, ihnen bei ihren Spielen zu folgen. Das hat mich nicht allzu sehr entmutigt; dennoch war ich ein wenig traurig. Ich musste lernen, dass es nichts bringt, sich auf einen Stuhl zu setzen und zu weinen, ganz im Gegenteil, man muss reagieren und seinen Weg fortsetzen; das haben mich meine Eltern gelehrt.

Immerhin habe ich einen normalen Schulverlauf gehabt, was nicht selbstverständlich ist, denn Kinder können unbewusst sehr grausam und verletzend sein. Die Jahre gingen vorüber und da sich meine Behinderung verschlimmerte, brauchte ich mit achtzehn einen Rollstuhl.

Die Tatsache, Beine gegen Räder eintauschen zu müssen, ist schwierig zu akzeptieren, aber gleichzeitig war es für mich eine Erleichterung. Die Leute sahen mich nicht mehr an wie ein „seltsames Tier“, sowohl auf professioneller Ebene wie im Privatleben. Ich versuchte, ein ganz normales Leben zu führen; was nicht heißen soll, dass alles schön und einfach war. In der Zwischenzeit hat sich mein Zustand weiter verschlechtert, aber das hindert mich nicht daran, zu leben und glücklich zu sein, weil ich ja meine Mitmenschen mag.

Nach diesen Überlegungen kann ich euch kein Fazit geben, ihr selbst könnt es in eurem Herzen und in euren Gedanken tragen, aber wisst, dass ich weder Anteilnahme noch Mitleid wünsche.

Ich bin keine „arme Behinderte“ und möchte auch keine sein. Ich fordere das Recht zu leben und zu lieben. Ich bin ein menschliches Wesen, eine Frau, und als solche liebe ich andere Menschen und liebe meine Freunde. Einen speziellen Gedanken möchte ich einer Person widmen, die ich sehr liebte: jenem, der mich jahrelang gestützt und begleitet hat, während den Tagen, die ohne ihn nur Einsamkeit gewesen wären, und der jetzt in eine bessere Welt gegangen ist.

Klar gibt es Sachen, die unmöglich zu verwirklichen sind, wenn man eine Behinderung wie meine hat. Manchmal ist es schwierig, einer Person, die mir helfen will, zu verstehen zu geben, dass ich kein Mitleid, sondern einfach nur Freundschaft brauche. Ich habe einen Humor, der manchmal meine Mitmenschen schockiert; ich müsste, weil ich im Rollstuhl sitze, den ganzen Tag vor mich hin weinen; ich denke aber, wie jeder andere das Recht zu haben, zu lachen und auch, manchmal, das Recht zu weinen, denn nicht alle Menschen sind immer angenehm. Sie sind nicht in der Lage zu verstehen. Sie sagen mir: „Arme Anne“!!! Warum „Arme Anne“ ?. Weil, weil...im Grunde genommen gibt es einen guten Grund, weshalb sie mir das sagen: sie selbst sind nicht glücklich.

Ihr geht, rennt, aber hinter was rennt ihr her? Ich hingegen rolle, und ich weiss genau, wohin. Welchen Unterschied gibt es zwischen uns? Die Gesundheit? Und manchmal ganz etwas anderes. Die Gesundheit ist ein so zerbrechlicher Wert, ein Unfall, ein einfacher Sturz beim Skifahren, ein übler Virus, ein schlechter Zufall, eine Ader, die sich verstopft, eine kleine Arterie, die zerbirst, und mit einem Schlag können auch sie, die sie hier meinen Bericht lesen, ganz plötzlich in die Bruderschaft der Rollstuhlgänger eintreten. Ich selbst bin erst nach einem langen und schmerzhaften Weg dorthin gelangt.

Denken Sie daran! nicht um Angst vor mir oder Mitleid mit mir zu haben, sondern um glücklich zu sein leben zu dürfen, wie ich, die im Rollstuhl kämpfe und arbeite und mit Würde glücklich bin. Das Leben ist schön und ich liebe meines, in dem es so viele sympathische und warmherzige Menschen gibt, ja, die Welt ist wundervoll.

Anne Zbinden


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