Nathalie

Jeder Moment eine neue Herausforderung

Ich heisse Nathalie und bin 26.
Wann alles genau angefangen hat, könnte ich nicht wirklich sagen; ein Missgeschick, ein leichter Gleichgewichtsverlust, eine etwas chaotische Handschrift, all das kann noch ganz überzeugende Erklärungen finden.

Aber eines Tages wird alles über den Haufen geworfen: ich schnalle meine Skier an und glaube, einen Hang genau wie alle Jahre zuvor hinunterzufahren, aber dieses Mal hat sich etwas verändert. Es gelingt mir nicht mehr, meine Beine zu kontrollieren und ich erlebe einen Sturz nach dem anderen, ohne zu wissen weshalb. Die Skier stelle ich beiseite, nicht ohne Bedauern, und sage mir, dass es genügend andere Dinge zu tun gibt, aber als der Moment kommt, wo ich mich gezwungen fühle, auf jede Sportart zu verzichten, bei der das Rennen und Springen wesentlich ist, beginne ich, mir ernsthaft Fragen zu stellen.

Und schon beginnen die falschen Hoffnungen... Anstatt uns ganz einfach mitzuteilen, dass unser Fall ein Rätsel ist, fühlen sich die lieben Ärzte gezwungen, einen Grund für unsere Symptome zu finden. Ein Mal sind unsere Knöchel schuld, dann unsere Weisheitszähne oder die Ohren... alles kommt dran, jedoch ohne irgendwelche Besserung. Im Gegenteil. Derweil verschlimmern sich unsere Symptome und unser Wunsch wächst, ihren Ursprung zu kennen.

Eines Tages erhalten wir die ersehnte Antwort: “Sie leiden unter einer genetisch evolutiven Krankheit namens Friedreich'sche Ataxie" (für die es zurzeit keine Behandlung gibt!!!)

So, meine Antwort hätte ich, aber ich muss darauf warten, ein Lexikon hervorzuholen, um zu wissen, was für einen Verlauf meine Krankheit nehmen wird. Und dann kommt der so gefürchtete Moment; die Gegenüberstellung mit meinen Eltern, um ihnen die Tatsache zu erzählen, ich glaube, ich habe erst in dem Moment, als ich so viel Verzweiflung in ihren Blicken sah, realisiert, wie ernst die Situation wirklich war.

Sehr schnell hat sich das Schweigen in Zusammenhang mit der Krankheit breit gemacht, als ob es helfen würde, etwas zu vergessen, wenn man darüber nicht spricht... Aber eins ist sicher: die FA ist nicht etwas, das sich vergessen lässt. Ganz im Gegenteil, sie ist wie eine Art Feind, den man ständig zu bekämpfen hat, und sobald man die Aufsicht vernachlässigt, profitiert der Schlingel, um an Terrain zu gewinnen. Als Waffe habe ich den Sport gewählt. Weil es keine Medikamente gab, musste ich wohl oder übel etwas anderes finden, und wenn die FA den ersten Satz gewonnen hat, so habe ich den zweiten davongetragen. Am Tag, an dem ich Skifahren, Tennis und alle Sportarten, wo eine vertikale Haltung wichtig ist, nicht mehr packen konnte, habe ich sie durch andere ersetzt, die meiner Situation eher entsprechen: Schwimmen, Velofahren oder Fitness. Im Moment steht es also unentschieden, würde ich behaupten, und der Match ist bei Weitem noch nicht beendet, alle Wetten sind noch offen...

Nathalie Rimann, krimann@bluewin.ch


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